Klassiker-Rezension: ALEXANDER, DER LEBENSKÜNSTLER (1968)

Vor zehn Jahren hat der gemütliche, naturliebende Bauer Alexandre (Philippe Noiret, „Abschied in der Nacht“) eine äußerst ehrgeizige Frau (Françoise Brion, „Adieu, Bulle“) geheiratet – und seitdem hatte er keine ruhige Minute! Seine Gattin treibt Alexandre nämlich unerbittlich an und hat aus Sparsamkeit sogar alle Knechte entlassen, sodaß der arme Alexandre eigentlich nur noch von einem träumt: Schlaf! Als seine Frau bei einem Unfall stirbt, hält sich Alexandres Trauer in Grenzen, vielmehr verspürt er große Erleichterung und beschließt: Ab sofort wird nicht mehr gearbeitet! Stattdessen bleibt Alexandre einfach im Bett und die täglichen Besorgungen im Dorf läßt er von seinem äußerst schlauen Hund erledigen. Die übrigen Dorfbewohner sind zunächst irritiert und ratlos ob Alexandres Arbeitsverweigerung, doch nach und nach findet er Bewunderer und Nachahmer, darunter die kürzlich aus der Großstadt hergezogene rothaarige Schönheit Agathe (Marlène Jobert, „Der aus dem Regen kam“). Um nicht den Dorffrieden und -wohlstand nachhaltig zu gefährden, versuchen Dörfler rund um den geschäftstüchtigen Sanguin (Paul Le Person, „Das Gespenst der Freiheit“) alles, um Alexandre endlich wieder zur Arbeit zu bewegen …


Kritik:
Vor Kurzem mußte ich mit Entsetzen feststellen, daß sich unter den zu diesem Zeitpunkt mehr als 750 Rezensionen auf meinem Blog „Der Kinogänger“ keine einzige eines Films mit Marlène Jobert befand – dabei zählt die quirlige und selbstbewußte Französin mit den Sommersprossen und den karottenfarbenen Haaren zu meinen absoluten Lieblingsschauspielerinnen. Ein absolut unhaltbarer Zustand also, doch da Marlène Jobert bedauerlicherweise ihre Filmkarriere bereits zu Beginn der 1980er Jahre beendete (und stattdessen eine erfolgreiche Kinderbuch-Autorin wurde), läßt er sich nur durch eine Klassiker-Rezension beheben. Da ist es ausgesprochen praktisch, daß Arte kurz darauf die leicht subversive Komödie „Alexander, der Lebenskünstler“ zeigte, in der Jobert an der Seite des famosen Hauptdarstellers Philippe Noiret immerhin eine große Nebenrolle spielt und die mich so sehr begeistert hat, daß ich sofort wußte: Da ist eine Besprechung nötig, denn dieses herrliche Feelgood-Movie hat sich jegliche Werbung mehr als verdient!

Filmhistorisch bemerkenswert ist „Alexander, der Lebenskünstler“ vor allem deshalb, weil er für Hauptdarsteller Philippe Noiret den Durchbruch zu einer großartigen Karriere bedeutete, in der er in zahlreichen heutigen Klassikern wie Alfred Hitchcocks „Topas“, „Das große Fressen“, „Der Uhrmacher von St. Paul“, „Abschied in der Nacht“, „Der Richter und der Mörder“, „Der Saustall“, „Cinema Paradiso“, „D’Artagnans Tochter“, „Der Postmann“ oder „Duell der Degen“ mitwirkte. Es ist kein Wunder, daß er durch „Alexander, der Lebenskünstler“ zum Star wurde, denn der bärtige, hochgewachsene und kräftig gebaute Noiret verkörpert die Rolle so ungemein sympathisch, schlitzohrig und (buchstäblich) bauernschlau, daß man ihm trotz einer gewissen Grummeligkeit niemals böse sein kann. Übrigens lautet der Rollenname auch in der deutschen Synchronfassung Alexandre, nur für den Titel wurde er vom Verleih zu Alexander abgewandelt, weil man das vermutlich griffiger fand – aus heutiger Sicht reichlich albern, aber was soll’s. Die Handlung von Yves Roberts („Der Krieg der Knöpfe“, „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“) Komödie ist, vorsichtig formuliert, nicht allzu kompliziert, doch das Vergnügen liegt in den vielen witzigen Details und der geschickten Verknüpfung liebenswerter Figuren mit skurrilen Dialogen und gewitzt inszenierten Slapstick-Momenten, passend untermalt von der fröhlichen und beschwingten Musik von Vladimir Cosma („Der Hornochse und sein Zugpferd“). Selbst die namenlos bleibende Ehefrau ist in der Darstellung von Françoise Brion ja alles andere als böse, wenn auch zweifellos eine rechte Sklaventreiberin. Das ist im ersten Akt wunderbar übertrieben dargestellt, indem sie ihn vom Haus aus sofort durch Pfeifen oder Zuruf antreibt, wenn sie keine Arbeitsgeräusche mehr vom Hof hört oder ihm auch mal ins Dorf nachfährt, damit Alexandre ja keine ruhige Minute hat. Kurzum: Auch wenn seine Gattin absolut kein klassischer Antagonist ist und zwischen der ganzen Antreiberei sogar recht liebevoll mit Alexandre umgeht, kann man dessen überschaubare Trauer nach ihrem Tod durchaus nachvollziehen.

War bereits Alexandres Dasein als Quasi-Sklave für das Publikum amüsant mitanzusehen, legt „Alexander, der Lebenskünstler“ nach seiner „Befreiung“ in Sachen Komik noch einmal einige Schippen drauf. Das Drehbuch wartet mit immer neuen skurrilen Situationen auf und parodiert nebenbei gar andere Genres (wenn der Versuch eines militärerfahrenen Dörflers, in Alexandres von ihm per Gewehr verteidigtes Haus vorzudringen und ihn im persönlichen Gespräch wieder zur Vernunft zu bringen, wie ein Kriegsfilm inszeniert ist) – einige Szenen mögen manchen Zuschauern womöglich ein bißchen zu albern ausfallen, aber angesichts der demonstrativen, liebenswerten Naivität, mit der sie ausgespielt werden, sollte man das leicht verzeihen können. Dabei habe ich den größten Sympathieträger noch gar nicht erwähnt, das ist nämlich nicht etwa Joberts gemütliche Agathe und noch nicht einmal Alexandre … sondern sein Hund (den Alexandre einfach nur „Hund“ nennt)! Der entpuppt sich als ausgesprochen intelligent, er tut genau, was sein Herrchen ihm befiehlt (sofern es ihn nicht wegschicken will) und versorgt ihn deshalb im Dorf Tag für Tag per Korb mit dem Nötigsten. Dabei bemerkt er, wenn die Verkäufer schummeln wollen, einmal nimmt er sogar an Alexandres Stelle an einer Ratssitzung teil, ohne daß es auch nur ansatzweise merkwürdig rüberkäme! Kein Zweifel: „Hund“ paßt locker in die Reihe ikonischer Filmhunde wie Asta aus „Der dünne Mann“, Idefix aus den „Asterix & Obelix“-Realfilmen, Jack aus „The Artist“ oder natürlich Lassie. Die Fähigkeit von Roberts Komödie, selbst absurdeste Szenarien vollkommen ernsthaft auszuspielen, kann sich durchaus mit der Monty Python-Truppe oder diversen Peter Sellers-Filmen (z.B. „Der rosarote Panther“ oder „Der Partyschreck“) messen … Daß das so gut funktioniert, ist auch dem exzellenten Schauspieler-Ensemble (mit dem jungen Pierre Richard in der erwähnten Nebenrolle als Indochina-Veteran) zu verdanken, aus dem Paul Le Person als Alexandres guter Freund, aber nach der Beerdigung zugleich größter Kritiker noch etwas heraussticht. „Alexander, der Lebenskünstler“ wäre eine fast perfekte Komödie, wären da nicht die letzten 10 bis 15 Minuten, in denen Robert relativ krampfhaft versucht, ein passendes Ende zu finden. Das funktioniert nicht so richtig, da sein Bemühen erstens eine arg abrupte charakterliche Kehrtwendung von Agathe beinhaltet und das Ende zweitens ziemlich vorhersehbar ist. Mehr als ein kleiner Wermutstropfen ist das jedoch glücklicherweise nicht.

Fazit: „Alexander, der Lebenskünstler“ ist eine liebenswerte Ode an die Faulheit, eine herrliche Komödie voller Lebensfreude, die ihren höchst sympathischen Hauptdarsteller Philippe Noiret verdientermaßen zum Star machte.

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